Hallo, ich bin Kathlin – geboren in den 60er-Jahren. In einer Zeit, in der viele Familien nach außen stark wirkten, aber innerlich zerbrochen waren. Auch meine.
Äußerlich war alles da: eine warme Wohnung, saubere Kleidung, korrekte Umgangsformen. Doch meine Herkunftsfamilie war in Wahrheit geprägt von unterdrücktem Schmerz, emotionaler Instabilität und seelischer Überforderung. Meine Mutter hatte als Kind selbst Abwertung, Schuldumkehr und schlimmste Überlebensangst erlebt.
Was sie nie bekommen hatte, konnte sie mir nicht geben: emotionale Stabilität und ein kritikfreies Gesehenwerden. Sie hat es selbst nie kennengelernt – genauso wenig wie ihre Mutter, ihre Tanten, ihre Großmutter.
Krieg, Heimatverlust, Flucht und ungelöste Traumata wirkten durch die Generationen weiter. Für Gefühle gab es weder Raum noch Verständnis. Schwäche war unerwünscht – und in der Tat lebensgefährlich.
Als hochsensibles Kind lernte ich früh: Mich anpassen. Funktionieren. Fühlen unterdrücken. Mein Nervensystem wurde in dieser Zeit buchstäblich umprogrammiert. Als hochempathische Tochter einer emotional überforderten Mutter wurde ich zur „Scannerin": Ich spürte jede Spannung, jede unausgesprochene Erwartung, jeden Stimmungsumschwung – bevor ihn andere überhaupt wahrnahmen.
Das ist keine Einbildung. Das ist Neurobiologie: Ein Kindheitsnervensystem, das dauerhaft in Alarmbereitschaft ist, entwickelt eine außergewöhnliche Feinfühligkeit für Gefahrensignale – auf Kosten des eigenen Innenlebens.
Ich wurde zur Vermittlerin. Zur unsichtbaren Stimmungsregulatorin. Ich ging in Deckung, wenn die Luft nicht rein war – und schwieg.
Sätze wie „Wein doch nicht!" oder „Beiss die Zähne zusammen" haben sich tief in mein System eingeschrieben – im wahrsten Sinne: als neuronale Muster, die bis ins Erwachsenenleben wirken.
Also hielt ich alles zurück und machte es allen recht. Bis ich irgendwann unsagbar wütend wurde – und mein Körper begann zu sprechen: Reizdarm. Überreizte Blase. Bauchschmerzen. Vegetative Dystonie.
Das ist kein Zufall. Unterdrückte Emotionen verschwinden nicht einfach – sie lagern sich im Nervensystem ab und suchen sich ihr Ventil. Immer.
Heute begleite ich hochempathische Frauen genau dort: an der Wurzel. In meiner Arbeit geht es nicht um Schuldzuweisung oder Victimhood.
Sondern:
Raus aus dem People Pleasing.
Raus aus der ständigen Selbstanpassung.
Hin zu echter Selbstverbindung, innerer Stabilität und gesunden Beziehungen auf Augenhöhe.

